Mein Weg

1977 erblickte ich als sechstes von sieben Kindern im heutigen Südosten der Türkei das orientalische Licht der Welt. Geborgen in der urchristlichen Wiege des Tur Abdin Gebirges, dem “Berg der Diener Gottes”, verbrachte ich die ersten drei Jahre meines Lebens in Nisibin, einem aramäischen Dorf am Oberlauf des Tigris.

 

Doch die Verfolgung der Christen im TurAbdin spitzte sich soweit zu, dass meine Familie 1980 beschloss, ihre Heimat zu verlassen. Meine einzige Erinnerung an die Zeit der Flucht blieben die tröstenden aramäischen Gesänge meines Vaters.

 

In Deutschland fanden wir bald eine neue Heimat und langsam verblassten im neuen Licht die Erinnerungen an unser weit entferntes Heimatland. Mein Leben nahm seinen abendländischen Lauf und ich begann die Arbeit bei verschiedenen Investmentbanken in Frankfurt.

 

Der Ruf meines Herzens wurde immer lauter und die Visionen immer deutlicher. Wie durch ein Wunder erhielt ich Weihnachten 2013 einen Anruf von einem mir unbekannten Mönch, der mich bat, ihn in Jerusalem zu besuchen. Beim abendlichen Gebet im St. Marc Kloster durchdrang mich eine tiefe Liebe und ich verspürte meine geistige Aufrichtung: Ich wurde eins mit den altvertrauten Klängen meiner Vorfahren und begann voller Liebe das Singen in meiner Muttersprache ”Aramäisch”.

 

Es ist der Klang dieser urvertrauten Sprache, der die Herzen der Menschen berührt. Sie mit Liebe & Vertrauen erfüllt und den Wunsch erweckt, wieder im Einklang mit ihrer Seele zu schwingen. 

Der Weg meiner Seele

Sehnsucht

Meine Seele schmiegte sich an die neue westliche Welt, als hätte sie nie einen anderen Ort gekannt. Ich füllte mein wachsendes Leben mit Freude, beruflichem Erfolg, gründete meine eigene bezaubernde Familie und es schien zunächst alles vollkommen.

Doch mit der Zeit machte sich eine tiefe Sehnsucht in meinem Herzen spürbar, die mein Intellekt nicht greifen konnte und meine Vernunft nicht greifen wollte.

Die Sehnsucht schlich sich langsam an und besuchte mich zunächst nachts in meinen Träumen. Oft schien sich dabei Realität und Traum zu verschieben und ich erwachte immer wieder irritiert und verständnislos. Es war Jesus, der mich in meinen Träumen besuchte und mich nach Jerusalem führte. „Sprich über mich!“ sagte er, doch ich erwiderte, dass ich keine Theologin sei und nicht wisse wie. Er ließ nicht locker, blieb da und zeigte mir Jerusalem. 

Ich verstand nicht, warum gerade mich solche Träume ereilten, galt ich doch als die Rebellin in meiner religiösen Familie. Die morgendlichen Fragen nach den so klaren Traumnächten lösten sich schnell im familiären Alltag auf und flossen dennoch unumwunden in mein wachsendes, sehnsuchtsvolles Herz.


Anruf

2013, es war ein gewöhnlicher Tag. Ich saß mit meinem Mann Tee trinkend am Frühstückstisch, gedankenverloren in die Ereignisse der vergangenen Woche. Da klingelte plötzlich mein Handy. Eine Nummer aus Israel. Ein Strom durchfuhr mich und ich fasste den Mut, abzunehmen. Mit ruhiger, tiefer Stimme begrüßte mich ein Mann auf Aramäisch und fragte, ob ich wohl seine Sprache spräche. Er fragte nach meinem Namen und als er ihn hörte, fragte er mich, wie ich zu Jesus stehe? In diesem Moment lief ein Schauer über mein Rücken und ich ich sah die Bilder mit Jesus in Jerusalem. Ich folgte seiner Einladung und mit mir reisten 45 Menschen, die davon hörten. 

War ich verrückt geworden oder träumte ich? Mein Verstand tanzte mir auf der Nase.

Der Anrufer, so stellte sich bald heraus, war ein Mönch namens Shimun Can aus dem bekannten, aramäischen Kloster St. Marks in Jerusalem. Er hatte von mir geträumt und am nächsten Morgen meine Nummer in seinem Notizbuch vorgefunden. Das alles klang zunächst unglaublich für mich - Doch mein sehnsuchtsvolles Herz sprang bereits voller Freude und Neugierde bei dem Gedanken an das bevorstehende Abenteuer… „Ich komme!“


Berufung

Düfte durchrauschten meine Sinne und ein weites Freiheitsgefühl öffnete den Geist als ich in Israel landete. Mit wachem Blick streifte ich durch Jerusalem, besuchte heilige Orte, folgte meiner Intuition — in der leisen Hoffnung darauf, einen Hinweis zu entdecken, der meiner Reise einen Sinn geben würde. Doch die Antwort blieb lange Zeit verschleiert.

Mönch Shimun und die Klostergemeinde empfingen uns sehr gastfreundlich, am Abend aßen wir gemeinsam, führten interessante Gespräche. Aber auch hier kam kein Impuls, der meinem sehnenden Herz einen Moment der Ruhe schenkte. Wieso war ich nur hier?

Der Schleier fiel am vorletzten Abend meiner Reise. Enttäuscht und verlegen über meine unerfüllte Hoffnung spazierte ich über das Klostergelände, als die Klänge der betenden Mönche mich in die Kirche führten. Ein wohlig-warmes Gefühl legte sich um mich bei den vertrauten Klängen der aramäischen Gebete. Ich kam gerade zur Ruhe, da erblickte mich Mönch Shimun und er bat mich nach vorne zu ihm zu kommen. Zunächst zögerte ich, denn Frauen waren im Altarbereich nicht erlaubt, doch er blieb unbeirrt und so trat ich an seine Seite. Was danach geschah war für mich unglaublich wahrhaftig: Er forderte mich auf, ein Segenslied zu singen.

Mein Versuch der Situation irgendwie zu entwinden blieb erfolglos und so nahm ich all meinen Mut zusammen und begann aus vollstem Herzen in der Sprache meiner Ahnen zu singen. Ich verlor mich vollkommen, fühlte ein getragen werden, eine unerklärliche Aufrichtung und als ich schließlich aufblickte, schaute ich in Shimuns weinendes Gesicht. "Maria singe", sagte er. "Er möchte, dass Du singst."

Es war der Moment, in dem sich das Ziel meiner Sehnsucht enthüllte: Es war meine Berufung die altaramäischen Gebete mit der Kraft meiner Liebe in die Welt zu tragen.


Rückkehr
Zurück in Deutschland entschied ich mich, den Weg meiner Intuition weiter zu gehen und zu singen. Es fühlte sich an, wie der Sprung in meinen wahren Lebensfluss, der mich sanft empfing und mir stetige Quelle für Entfaltung ist.

Ich begann eine Reise zurück zu den Wurzeln meiner Ahnen. Entdeckte die fast vergessene mystische Schönheit meiner Kultur und verband die alte Weisheit mit unseren modernen Erkenntnissen.

Voller Dankbarkeit und Demut bin ich, wenn ich daran denke, wie ich zu der Kraft meiner Wurzeln finden durfte und diese Verbundenheit, über die Energiewellen des Klangs mit meinen Mitmenschen teilen darf. Der aramäische Gesang bildet dabei eine liebevolle Brücke zwischen Himmel und Erde. Zwischen Geist und Materie. Eine Erinnerung an eine Zeit der Einheit, des Ursprungs - Abwun - dem Klang der LIEBE.

Heimat
Eine Lücke galt es für mich noch zu schließen. Seit unserer Flucht vor 40 Jahren habe ich das Land meiner Geburt nicht mehr besucht. 2019 schien der richtige Moment gekommen und ich reiste dorthin. Was ich vorfand, waren zurückgelassene Steine, verlassene Dörfer. Eine Weite suspekter Stille, die sich ins Endlose erstreckte, durchbrochen nur von irdisch-vergänglichen Grenzlinien.

Heute ist mir bewusst, dass Heimat kein physischer Ort auf Erden ist, sondern ein Seelenort, den wir alle erfahren dürfen, wenn wir wieder bereit sind, unsere Herzen zu öffnen - zu öffnen für die LIEBE - wo Zuhause nicht weit ist.